Welcome to china – Reaktion
Und hier die Antwort meines Wahlkreisabgeordneten Gustav Herzog. Auf wesentliche Punkte wurde leider nicht immer eingegangen. Nun ja, jeder kann sich selbst ein Urteil bilden:
(Name wurde hier durch xxxxxxx ersetzt, in der Mail stand allerdings mein Nachname!)
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Sehr geehrter Herr xxxxxx,
ich danke Ihnen für Ihre ausführliche Email vom 19. Juni 2009. Meinem Dank an erster Stelle möchte ich eine Frage anschließen, denn mir ist leider nicht ersichtlich, ob ich mit Herrn oder Frau xxxxxx Schriftverkehr habe. Ich hoffe, Sie sehen mir meine Anrede nach, so ich sie falsch getroffen habe. Für mich ist dies eine Frage der Höflichkeit und des allgemeinen Umgang auch in einem Medium wie der Email. Es macht aber auch deutlich, wie anonym Sie hier agieren, was zeigt, wie ungleich unsere Positionen sind, ich als öffentliche Person und Sie, der nichts anderes offenbart als schwarze Buchstaben auf weißem Hintergrund und gleichzeitig alles erwartet. Woher soll ich wissen, wer Sie sind, ob Sie in meinem Wahlkreis wohnen oder ab Sie vielleicht sogar Ihren Wohnsitz in Brasilien haben. Doch ich setze jetzt einmal voraus, dass Sie als deutscher Staatsbürger ein Anrecht auf meine Arbeit als Abgeordneter des Deutschen Bundestages haben.
Unabhängig davon habe ich mich trotz Ihrer Anonymität und Ihres ich sage mal forschen Tonfalls entschieden, Ihnen zu antworten. Ich möchte Ihnen aber mitteilen, dass ich solche Aussagen, “(…) aus diesem oder jenem Grunde werde ich meine Stimme nie wieder der SPD geben (…)” sehr ärgerlich und im Grunde als albern und kindisch empfinde. Unsere Gesellschaft ist so komplex und die Politik, die sie mit abertausend Entscheidungen Tag für Tag prägt so kompliziert, dass es mir so unglaublich engstirnig vorkommt, wenn man seine Wahlentscheidung angeblich aufgrund einer Entscheidung, die einem nicht gefällt, so oder so und auf Ewigkeit trifft. Wir alle wissen nicht, mit welchem Blutzoll unser demokratisches Wahlrecht erkämpft wurde – zum Glück – doch wir können es zumindest respektieren und entsprechend achtsam damit umgehen. Ich muss Sie und Ihren Bekanntenkreis fragen, ob Ihnen all die anderen Bereiche, in denen Entscheidungen getroffen werden wie Arbeit, Soziales, Inneres, Bildung, Energieversorgung, Verbraucher- oder Umweltschutz vollkommen gleichgültig sind? Wie eindimensional ist Ihre Welt? Gerade von einer Internetcommunity – einer vernetzten, bunten und vielfältigen Welt hätte ich anderes erwartet.
Doch nun zur Sache: Sie haben richtig erkannt, dass mir die Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Ich habe sie erst kurz vor der Abstimmung getroffen, denn das Unschöne an schwierigen Entscheidungen ist, dass sie nun einmal getroffen werden müssen. Am Ende steht ein einfaches Ja oder ein Nein. Nur Menschen mit Interesse versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen oder hinterfragen, wie es zu Entscheidungen gekommen ist. Zu meinen Argumenten auf der Seite von Abgeordnetenwatch stehe ich nach wie vor und dennoch habe ich mit einem einfachen Ja gestimmt. Festgelegt habe ich mich genau genommen nach einer Debatte mit Jörg Tauss MdB, den ich persönlich und politisch sehr schätze und Martin Dörmann MdB in der Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion. Ich habe meine Entscheidung trotz meiner Bedenken so getroffen, weil ich der Ansicht bin, dass im Laufe der Verhandlungen wesentliche Änderungen aufgegriffen wurden, die Teile meiner Bedenken zerstreut haben. Weitere, wie z.B. die Problematik des Aufbaus einer Zensurinfrastruktur durch das BKA, machen sogar eine gesetzliche Grundlage geradezu notwendig, da das BKA diese Struktur bereits auf Basis bilateraler Verträge mit der Privatwirtschaft aufbaut. Hier sehe ich die Pflicht des Gesetzgebers, nicht um es im Nachhinein zu legitimieren, wie gerne behauptet wird, sondern um die parlamentarische Kontrolle zu erlangen.
Auch wenn ich dieser Entscheidungsvorlage meine Zustimmung gegeben habe, so ist es doch für die Zwischen-den-Zeilen-Leser ein nur bedingtes Ja, denn ich habe hierzu eine persönliche Erklärung abgegeben, die dem Protokoll der Plenardebatte und nun auch dieser Email anhängt. Hier können Sie im Einzelnen nachlesen, warum meine Entscheidung so ausgefallen ist. Auch wenn einige meiner Kolleginnen und Kollegen, aus welchen Gründen auch immer, nicht an dieser Entscheidung teilgenommen haben, so hatte das Gesetz doch eine klare Mehrheit. Unsere Demokratie funktioniert nach dem Mehrheitsprinzip, sie gibt der Mehrheit Gestaltungsmacht auf Zeit. 130.000 Petenten sind eine beeindruckende Größe und ihre Stimme wird angehört und auch ernst genommen. Doch stellen sie eine Mehrheit dar? Wir können um den Faktor 2, 4 oder gerne auch 10 erhöhen – ist das eine demokratische Mehrheit? Nein, es ist noch lange keine demokratische Mehrheit und schon gar nicht in einem ordentlichen Abstimmungsverfahren, sprich bei einer Wahl. Und wenn Sie sich nach ganzen elf Jahren Interneterfahrung als Internetprofi sehen, so können Sie mir glauben, dass ich mich nach über 30 Jahren aktiver Politikerfahrung mit Entscheidungsprozessen und Mehrheiten auskenne. Mit solchen und weiteren Aussagen würde ich ein wenig vorsichtiger umgehen. Auch was Sie über Martin Dörmann sagen ist nicht korrekt, denn er bezog sich in diesem Zitat auf die Vereinbarungen mit Internetprovidern und nicht auf unser Gesetz. Was Frau Noll MdB betrifft, muss ich zugeben, dass es nicht zu meinen Aufgaben gehört, mich um die Belange von Abgeordneten der Union zu kümmern. Was Frau von der Leyen MdB angeht ist die Sache ein wenig anders, denn sie ist nicht nur unsere Bundesministerin sondern zudem auch noch Initiatorin des Gesetzes in seiner ersten, für mich untragbaren, Fassung. Ihre Abwesenheit fand ich nicht richtig, kenne aber ihre Gründe nicht. Meine Fraktionskolleginnen und -kollegen haben dies aber in der Debatte kritisch angesprochen, wie sie den Plenarprotokollen gerne entnehmen können.
Ein wichtiger Beweggrund für meine Zustimmung war übrigens die Tatsache, dass die Infrastruktur für eine stärkere Kontrolle der Internetinhalte bereits im Aufbau begriffen ist. Dies ist nicht parlamentarisch legitimiert sondern fußt auf rein privatrechtlichen Vereinbarungen mit den Providern. Meine Frage an die Internetgemeinde ist nun: warum wird stets der Staat als die “dunkle Seite der Macht” angesehen und die nicht demokratisch legitimierte Verfügungsgewalt kapitalistischer Interessen über das Netz ignoriert?
Meine Antwort dürfen Sie veröffentlichen.
Mit freundlichen Grüßen
Gustav Herzog
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Anarchox am 26. Juni 2009 in IT-Krempel, Politisches
